Sinead O’Brien
„Ihr habt noch nichts gesehen“, behauptet Sinead O’Brien in ihrer Single „Girlkind“ – und man ist geneigt, ihr zu glauben. Aufbauend auf ihren fesselnden Veröffentlichungen seit 2018 betritt die facettenreiche irische Dichterin, Songwriterin und Performerin mit ihrem Debütalbum „Time Bend and Break the Bower“, das diesen Sommer bei Chess Club Records erscheint, Neuland.
O’Brien fordert von ihrem Publikum eine emotionale Reaktion und stellt all jene in Frage, die ihre Musik in ein traditionelles Schema pressen wollen. Stattdessen ist die Poesie der Künstlerin – eine ständige, aktive Auseinandersetzung damit, wie Menschen in der heutigen Zeit sprechen, kommunizieren und aufeinanderprallen – ein unverzichtbarer Weckruf für die Zukunft.
O’Brien, die an der Schnittstelle von Worten, Musik und Bild kommuniziert, ist eine Beschwörerin kraftvoller Welten: Und keine ist kraftvoller oder so eindringlich wie die von „Time Bend and Break the Bower“. In dem Raum, der zwischen ihrem Vortrag – zugleich ironisch, seidig, bissig und selbstbewusst – und der Musik – einem dynamischen, tanzenden Ruf-und-Antwort-Spiel ihrer Mitwirkenden, dem Gitarristen Julian Hanson und dem Schlagzeuger Oscar Robertson – liegt die produktive Spannung des Albums. Mit einer Methode des instinktiven Schaffens, in ständiger Kommunikation mit multisensorischen Impulsen, schafft sich O’Brien ihren eigenen Raum als musikalisches Orakel für eine sich ständig wandelnde Ära. Indem sie ihren Weg als Dichterin und nicht als Sängerin beschreitet, hat O’Brien eine Identität geschmiedet, die sie als wahrhaft ihre eigene empfindet: Es ist schlichtweg die Art und Weise, wie die Künstlerin kommunizieren muss.
Wenn schon O’Briens Vortragsweise allein eine Herausforderung an Genres und Kategorisierungen darstellt, was sagt sie uns dann mit diesen Worten? Geboren in Dublin und aufgewachsen in Limerick, finden sich auf dem neuen Album keine expliziten Verweise auf O’Briens Heimatland, doch die Atmosphäre ihrer Landschaft spiegelt sich dennoch in ihrer lyrischen Welt wider.In Titeln wie „Girlkind“ und der aktuellen Single „Holy Country“ baut sich die Erzählung aus abstrakten Erinnerungen an die Heimat auf, bevor O’Briens wilde Strömung uns an einen ganz anderen Ort entführt und dabei ebenso sehr einen dringenden Protest wie eine Beschwörung zum Ausdruck bringt. In „Like Culture“ trägt sie ein Gedicht, das sie mit 17 zu schreiben begann – eine Ode an das Zusammenkommen mit Freunden auf der Tanzfläche –, mit sich in den gegenwärtigen Moment, in dem die heilende Kraft der Bewegung heute wichtiger ist denn je.
O’Brien möchte, dass jedes Wort gehört wird – dass es Wirkung zeigt. Und sie wird gehört. Seit 2020 haben O’Briens Veröffentlichungen – wie die Single „Kid Stuff“ aus dem Jahr 2021 und die EP „Drowning in Blessings“ aus dem Jahr 2020 – internationale Kritikerlob erhalten, unter anderem von Titeln wie Rolling Stone, DIY, Dazed, Dork, Loud & Quiet, NME, Paste, Stereogum, The FADER, The Guardian, The Quietus und AnOther Magazine. Auch im nationalen Radio findet O’Brien beständige Unterstützung: Zu den Fürsprechern ihrer Musik zählen Jack Saunders bei BBC Radio 1 sowie Steve Lamacq und Amy Lamé bei BBC Radio 6 Music, wobei letzterer Sender zwei ihrer Tracks einen Platz auf seiner B-Liste einräumte. Und O’Brien baut auf ihrer bisherigen Unterstützung in den USA durch Sender wie KEXP aus Seattle auf, mit Auftritten beim SXSW – 2021 in virtueller Form und im Frühjahr 2022, wenn sie mit ihrer Band nach Texas selbst kommt.
O’Brien tourte zudem durch Großbritannien und Europa und trat an zahlreichen Veranstaltungsorten und Festivals auf, wo sie gemeinsam mit ihren musikalischen Mitstreitern ihren unvergesslichen Performance-Stil prägte – ein Eindruck, der dazu führte, dass sie eingeladen wurde, später im Jahr 2022 mit Belle & Sebastian auf Tour zu gehen. Auf der Bühne zieht die schwarzhaarige Künstlerin die Aufmerksamkeit auf sich und demonstriert mit jedem Gefühl, das sie zum Ausdruck bringt, eine kinetische Verbindung zu Hanson und Robertson. Live-Auftritte sind ein wesentlicher Bestandteil von O’Briens laufendem Projekt – hier verwandeln sich ihre zeitgenössischen Klänge in ein einzigartiges Bühnenvokabular, das sowohl verführt als auch herausfordert.
Mit einem Hintergrund in den Designteams von John Galliano und später Vivienne Westwood umfassen O’Briens kulturelle Bezugspunkte zudem eine reiche Geschichte aus Kunst, Fotografie, Film und Tanz: von Helmut Newtons Femmes fatales und Henri Cartier-Bressons trostlosen Landschaften über moderne Movement-Performances der Kompanien von Michael Clark und Michael Laub bis hin zu den Schriften von Virginia Woolf und Samuel Beckett. Kürzlich von Alessandro Micheles Gucci für einen Auftritt engagiert, wird deutlich, dass O’Briens esoterische Instinkte Menschen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Musikindustrie inspirieren.
Unerbittlich, surreal, aufrührerisch – O’Brien bewegt sich in ihrer eigenen Atmosphäre, während sie gleichzeitig ständig ihre Antwort auf die zeitgenössische Welt formt, durch die sie sich bewegt. Im Jahr 2022 bahnt die Künstlerin mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums, ihrer Präsenz auf Festivals und zahlreichen Tourterminen einen Weg ins Neue – stets hinterfragend und dich auffordernd, sie zu begleiten.